So war das bergmal Festival 2019

Alle Jahre ruft der Wal – Am Wochenende ging das vierte, lauteste, diverseste und erfolgreichste bergmal Festival über die Bühne. 17 Bands experimentierten, rifften und schrummelten sich an zwei Abenden auf drei Bühnen quer durch das Dynamo in Zürich. Wieder war es wie ein Sturm, der die begeisterten Besucher packte, sie nicht mehr losliess und viel zu schnell wieder vorbei war.

Der Orkan am Freitag

Gerade der Festivalauftakt am Freitagabend hatte es bezüglich Sturmstärke in sich. Die vier Bands, die da aufspielten, bevölkerten alle das eher härtere Spektrum des Experimental-/Post-Bereichs, den sich das bergmal auf die Fahne schreibt. Wie schon in der vorherigen Ausgabe wurde einer Schweizer Band die Ehre zuteil, den fröhlichen Reigen zu eröffnen. KRANE aus Basel liessen mit ihrem bleischweren Post-Metal die Wände des Werk 21 ein erstes Mal erzittern. Stoisch, fast andächtig watete sich das Quartet durch stark rhythmusbetonte Riffs zu rauschenden Soundwänden und zurück. Mir als Melodie-Jünger war die ganze Sache ein wenig trist, aber als Einstimmung auf das Festival hat das schon funktioniert. Als im Anschluss Forlet Sires aus Winterthur die Bühne betraten, war es mit der Behäbigkeit definitiv zu Ende. Nach dem Motto “mehr ist mehr” liess der Fünferpack Blastbeats, Tremologewitter, harsche Growls und abrupte Temopowechsel en Masse auf die zahlreichen Zuschauer los. A propos: Zahlreich ist untertrieben, der Festival-Freitag war zum ersten Mal ausverkauft!

Wieso das Festival Jahr für Jahr Liebhaber dieser Nischenmusik von nah und fern anlockt und innert kürzester Zeit quasi Kultstatus erlangt hat? Weil das bergmal-Team Bands wie zum Beispiel die darauffolgenden Telepathy einladen. Mir natürlich eigentlich immer noch zu hart, aber die Jungs ballerten so abwechslungsreichen, inspirierten und intensiven Post-Metal durch das Kellergewölbe, dass mir ganz warm ums Herz und steif im Nacken wurde. Irgendwie klingen die frischer und weniger langfädig als viele ihrer Genrekollegen, ohne aber auf irgendeine Weise hektisch zu wirken. Sie spielten ein paar neue Songs, die noch eine Spur weniger chaotisch als ihre frühen Werke schienen. Ich freue mich auf jeden Fall auf ihre kommende Scheibe. Nach dem Konzert freuten sich viele auf Monkey3, die Schweizer fungierten am Freitag als Headliner. Das schien auch zu funktionieren: Das proppenvolle Werk gab ihnen Recht und das klang natürlich auch mehr als professionell, die Szenekoriphäen wissen natürlich, wie der Hase läuft. Mit dem Space-Stoner-Prog-Sound kann ich aber nunmal nichts anfangen, und so stand ich in der hinteren Ecke, nickte im 75bpm-Tempo mit und sah ein, dass ich da als kompletter Outsider nichts Schlaues dazu zu sagen habe.

Grandiose Newcomer am Samstag

Samstag heisst: Zur Cellar Stage gesellen sich die Experimental Stage und die Roof Stage, wodurch ohne Unterbruch vom Spätnachmittag bis nach Mitternacht immer irgendwo Musik läuft. Meinem ungebrochen jugendlichen Elan sei Dank habe ich mich tatsächlich um 15:45, also 15 Minuten vor der ersten Band, im Dynamo eingefunden. Und Junge hat sich das gelohnt, denn mit A Burial At Sea wartete meine persönliche Festival-Überraschung auf mich. Wenn ich mich nicht täusche, haben die Newcomer erst drei Songs veröffentlicht. Ich wusste also nicht, was mich erwarten würde, und freute mir einen Ast ab, als ich von einem bittersüssen Emo-Post-Rock-Song à la American Football begrüsst wurde – inklusive Trompete! Doch dabei blieb es nicht. Während ihres Sets gab es auch tückisch synkopierte Headbang-Parts, ab und zu kamen unverfroren funky Dance-Vibes in den Vordergrund und bei ein oder zwei Riffs erwartete ich fast, dass nächstens ein Pizza-essender Easycore-Bro auf die Bühne springen wird. Zum Glück nicht. Stattdessen wurde zum Schluss noch mit der grossen Kelle (und viel Overdrive) Schmalz angerührt. Fresh! Behalte ich auf dem Radar. Auf meinem Radar hatte ich auch HOLM, die in der Folge die grosse Roof Stage eröffneten. Ich mag ihr Debütalbum von diesem Jahr sehr, und die Live-Umsetzung hat mich in meiner Meinung bestärkt, dass das Trio einfach genau weiss, was es tut, und ich einfach liebe, was sie tun. Ihr Breitwand-Post-Rock kam auf der Breitwand-Bühne mit definiertem Sound super zur Geltung. Die proggig angehauchten, krautig-repetiven Beats mit den sphärischen Gitarreneffekten, die ihre Dynamik nicht explosionsartig entfalten, sondern wie eine grosse, mächtige Woge anschwellen, um anschliessend in stimmischen Ambient zu zerfallen – und das zu dritt. Ein absolut hypnotischer Sog, grosses Kino.

Zwischen Kolours und Shipwrecks konnte ich mich dann nicht entscheiden, und so riskierte ich bei beiden Bühnen ein Ohr. Erstere spielten auf der Experimental Stage. Böse Zungen könnten jetzt auf Ironie verweisen und sagen: “Crescendocore” war noch nie experimentell und ist es im Jahr 2019 noch weniger. Zum Glück bin ich keine solche böse Zunge, denn ich habe eindeutig eine Schwäche für diesen Sound. Drei Gitarren, deren melodische Zupfereien und Streicheren sich ineinander verweben und nach und nach zu – jetzt kommt auch noch der Klischee-Begriff – epischen Schrummeleien werden: Wenn’s gut gemacht ist bin ich immer wieder dabei! Gut gemacht war’s, dennoch wollte ich noch im Keller vorbeischauen. Kolours kommen ja schliesslich aus St. Gallen und wird man wohl bei anderer Gelegenheit bald wieder einmal live sehen können. Cellar Stage also, Shipwrecks. Mich erwarteten bei ihrem letzten Song fünf Minuten Ambient-Intro und dann ein Schlagzeug, dessen (quasi nicht vorhandenes) Tempo selbst Slowcore-Veteranen beeindrucken würde. Musik für Leute, denen MONO zu hektisch sind. Die Jungs sind geduldig. Aber keine Angst, ich bin es auch. Und obwohl ich genau wusste, dass sie in ein paar Minuten “dasselbe in Laut” spielen würden,  hatten sie mich halt im Endeffekt doch…

Verschnaufpause und enttäuschende Tides

Esben and the Witch haben zwar definitiv einen eigenständigeren Sound, aber halt einer, der mir weniger gefällt. Live zwar noch eher als auf Platte, ist halt schon echt gut gemacht, aber nach einer kurzen Hörprobe folgte ich dem Ruf meines Bauchs. Hier eine Negativschlagzeile: Dieses Jahr hatte es nur einen Foodstand. Wohl oder übel gab’s dann halt eine (nicht gerade üppige) Portion Mini-Tacos. Kein traumhafter Halloumi-/Falafel-Wrap wie im letzten Jahr, schade! Egal, geht ja um die Musik. Da wollte ich dann entweder in Echelot oder E-L-R reinhören, doch als wir da so draussen sassen, kamen wir mit einigen gerade angekommenen Mitgliedern von Tides of Man und Spurv ins Gespräch. Immer wieder spannend, mit Musikern, die man respektiert, zu quatschen und sie als Menschen zu erleben. Bis ich davon loskam, waren die beiden Konzerte der erwähnten E-Bands leider auch schon wieder vorbei. Dafür weiss ich jetzt, dass man, wenn man aus Florida kommt und zum ersten Mal die Alpen überquert, mindestens soviel Reisezeit für Fotopausen einplanen muss wie für die reine Fahrt. Und dass die Norweger von Spurv gerade dabei sind, ihr Alkohollimit vor Shows etwas strikter zu handhaben (Stand jetzt: “The limit is there is no limit”).

Nach dieser kurzen musikalischen Pause lockten mich Tides From Nebula in den dritten Stock. Da freute ich mich, ich hatte die Polen noch nie gesehen und finde das neue Album ziemlich stark. Schnell legte sich aber mein Feuer. Was für ein durchgeplantes, hochglanzpoliertes Schauspiel. Zu dritt “zaubern” die Szeneveteranen einen allzu grandiosen Sound auf die Boxen – Backingtracks sei Dank. Im Mass eingesetzt natürlich gerade im heutigen Zeitalter nichts Verwerfliches, aber wenn da Spuren über Spuren an zusätzlichen Synthies, Gitarren, Soundschnippsel und Glocken und weiss der Teufel was ab Band kommen und dabei nicht dezent untermalen, sondern das Ganze aufblasen, den Mix vollstopfen und nicht selten gar die Hooklines darstellen, dann bin ich weg. Ja, meiner Meinung nach gibt es ein “zu perfekt”. Wenn die Hälfte vom “Livesound” vorgefertigt aus der Konserve kommt und die Showmänner vor allem darum bemüht sind, ihre Gitarren in der Luft rumzuschwingen, kehrt sich bei mir einfach was, sorry. Im Anschluss das Gegenteil bei Spurv im Keller: Zu sechst stehen die Skandinavier auf der engen Bühne, drei Gitarren kämpfen um die Vorherrschaft; Bass, Schlagzeug und Posaune wollen auch noch lautstark mitwirken. Es ist lärmig, es pfeift und knarzt, rumpelt, es stimmt nicht alles, man hört einige Dinge nicht und andere dafür zu deutlich, die Musiker gehen auch ab, wirken aber spontan – so muss das sein. Es war die erste Show von Spurv in der Schweiz, und hoffentlich nicht die letzte.

Primetime und überzeugende Tides

Dann Headliner-Zeit: Emma Ruth Rundle. Folk-Shoegaze mit viel Gesang und regelmässigen Refrains ist nicht gerade typisch fürs bergmal. Die Dame und ihre Band passen dennoch prima in den Abend,  nicht nur wegen vergangener und gegenwärtiger Verbindungen zum Post-Rock durch Nebenbands usw. Gerade live kommen die langen, komplexen Kompositionen, die vielschichtige Instrumentierung und die für “Post-“-Bands häufig so charakteristische Atmosphäre richtig zur Geltung. Wenn auch Frau Rundles Hammerstimme die Show stiehlt und zu Recht oft eingesetzt wird und das Scheinwerferlicht beansprucht. Die höchst routinierte Band tat ihr Übriges für ein von A bis Z stimmiges, wenn auch naturgemäss eine Spur zu eintöniges und lethargisches Set. Mir hat es aber gefallen und ich finde, auch solche Musik hat am bergmal ihren Platz.

Pünktlich um Mitternacht noch das letzte Konzert und mein persönliches Highlight: Tides of Man. Vor etwas mehr als einem Jahr noch an einer bergmal-pre-Show entdeckt und für “solide” befunden. Dann kamen die mit einem um Längen abgeklärteren und kreativeren Zweitwerk um die Ecke, ich sah sie noch zwei weitere Male – und schon wurde “solide” zu “richtig gut”. Entsprechend freute ich mich auf das Konzert, und wurde nicht enttäuscht. Vom eröffnenden, furiosen “Everything is Fine, Everyone is Happy” bis zum abschliessenden, hymnischen “Young and Courageous” feuerte das Quartett aus allen Zylindern und zeigte, wie geil dynamischer, knackiger Instrumentalrock mit zwei Gitarren, einem Bass und einem Schlagzeug ohne grossen Schnickschnack sein kann. Da im Set weder der kompakte Barnburner “Mountain House” noch mein persönlicher Favorit “Death is No Dread Enemy” fehlten, war es tatsächlich ein Abend nach dem Motto “das Beste kommt zum Schluss”.

Müde vom stundenlangen Musikhören und Treppenlaufen, angeduselt vom einen oder anderen in der Euphorie des Abends erworbenen Getränks, aber glücklich wie ein Wal in der Fischschutzzone machte ich mich nach einer abschliessenden gemütlichen Runde – die alle vereinte: Bandmitglieder, Organisatoren, Helferinnen und andere BesucherInnen – auf den Heimweg. Einmal mehr war der Abend nur allzu schnell vorbeigeflogen. Und einmal mehr fühlte und fühle ich immer noch Dankbarkeit, dass es Post-Rock-Freaks gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, andere Post-Rock-Freaks wie mich glücklich zu machen und in der Schweiz ein solches Festival auf die Beine zu stellen. bergmal-Team, ihr kennt das, weil ich es immer sage, aber so ist es nunmal: Danke, es war mir eine Ehre, macht weiter so, ich freue mich schon aufs nächste Mal.

Beitragsbild: Anna Wirz