Album Review: Hanter Dro – Death by Algorithm

Hanter Dro sind zurück. Knapp drei Jahre nach ihrem selbstbetitelten Debüt reichen die Innerschweizer endlich ihr zweites Album nach. Die Band bleibt ihrem Stil grundsätzlich treu – will heissen, es gibt eine weitere Ladung an atmosphärisch dichtem Post-Hardcore. Und doch haben sie die Zutaten so verfeinert und das Songwriting so weiterentwickelt, dass „Death by Algorithm“ noch mehr begeistert und berührt als der Vorgänger.

Um kurz auszuholen: Erst vier Tage vor Veröffentlichung ist das Mail von Little Jig (Hunter Dros Plattenlabel) mit dem Betreff „Albumrelease Hunter Dro“ eingetroffen, meine Woche aber natürlich schon verplant. Na dann lassen wir das mit der Review. Aus Neugier musste ich dann doch ein Ohr riskieren und war schon beim ersten Reinhören so von der Scheibe angetan, dass es eine Schande wäre, nichts darüber zu schreiben. Es folgt aber entsprechend eher ein Ersteindruck als eine vertiefte Rezension, da ich noch keine Gelegenheit hatte, das Album einwirken zu lassen.

Der Opener „Turtle Man“ etabliert gleich den kraftvollen aber eleganten Sound, der die Band prägt, und erweitert ihn mit einem fast schon verspielten Gitarrenriff. Statt auf Tempo wird auf (Ein-)Dringlichkeit und Dichte gesetzt. Der folgende Titeltrack intensiviert die ominöse Atmosphäre und gibt zunächst die Richtung für das Album vor. Diese düster-melancholische Stimmung muss das Ergebnis sein aus der Kombination von straighten, voluminösen Drums, sattem, aber oft schwebendem Bass, breiten, klaren Gitarren und hochemotionalem Gesang/Geschrei.

Nach zwei weiteren Stücken, die in eine ähnliche Kerbe schlagen, folgt mit „Skeleton Walk“ das Herzstück der Platte. Mit seiner epischen Struktur, seiner Platzierung in der Mitte des Albums und seiner überdurchschnittlichen Spielzeit macht es schnell klar: Ich bin wichtig. Verstärkt wird dies durch die Wiederaufnahme des Albumtitels in den Lyrics. Nach einem Senkrechtstart folgt bereits nach wenigen Sekunden ein Post-Rock/Ambient-Teil, der nicht nur als Verschnaufpause fungiert, sondern seine ganz eigene Wirkung entfaltet. Umso stärker ist durch den Kontrast die darauffolgende Eruption. Bald verschwindet aber Tim Fischers Stimme wieder und es folgt ein mächtiger instrumentaler Teil, in dem sich spannende rhythmische und melodische Variationen um das Hauptmotiv spinnen. Die beklemmende Stimmung kehrt zum Schluss in Form eines beunruhigen Outros im Dark-Ambient-Stil zurück. Was ein Song.

Die (noch virtuelle) B-Seite wird eröffnet durch „Pain Killers“, das wieder direkter nach vorne geht. Doch bereits das folgende „Endlos“ leitet in das letzte Drittel der Platte über, in dem sich Hanter Dro endgültig dem Licht öffnen. „Endlos“ ist ein Instrumentalstück mit einer nicht endlos, aber über die Dauer des Liedes ständig wiederholten, sehnsüchtigen Gitarrenline. Begleitet von reduziertem Bass und zurückhaltendem Schlagzeug wird zwar zunächst ein Ausbruch angetäuscht. Dieser bleibt aber aus und nach und nach verschwinden die Instrumente. Als würden sie in den Äther entfliehen, statt zu explodieren. Auch „Astronauts From The Underground“ kehrt nicht zu den frenetischeren Gefilden der ersten Plattenhälfte zurück und findet sein Ende abermals in einem sehr gelungenen Instrumental-Teil.

Diese zwei sehr schönen Stücke ebnen den Weg für den krönenden Abschluss. „In Empty Space New Matter Awakes“ trägt die Hoffnung bereits im Titel. Instrumental ist es absolute Post-Rock-Königsklasse. Nach dem zerbrechlichen, emotionsgeladenen Cleangesang erhebt sich noch einmal Tim Fischers Geschrei. Aber waren die Textzeilen im Opener noch dystopisch-eskapistisch („to the point of no return“, „the darkness eats the light“, „escape into the great unknown“), sind sie hier positiv-gemeinschaftlich: „We play nothing but our favourite songs, we hold everything tangibly close“ (sofern richtig verstanden; Lyrics liegen mir keine vor). Hanter Dro finden die Schönheit in der (oder durch die?) Verzweiflung. Und legen sie uns in einem wunderbaren Album vor, das vor allem in der zweiten Hälfte mitreisst. Wie gut, dass unsere Algorithmen so schön menschliche Musik noch nicht getötet haben.

VÖ: 17.01.2020

Plattentaufe: 18.01.2020, Konzerthaus Schüür

Label: Little Jigs