Album Review: Caspian – On Circles

Ein Blick auf die Jahresuhr zeigt: Doch schon wieder fast fünf Jahre ist es her, seit Caspian ihr letztes Album veröffentlicht haben. Die Band will aber explizit nicht von einer „Wiederauferstehung“ sprechen oder von einem Album, das unter Einsatz von Blut und Tränen geschrieben wurde und ihnen eine völlig neue Perspektive eröffnet hat. Nein, es sei einfach ihr neues Album. Der Verzicht auf die grossen Worte passt freilich zu den grossmehrheitlich instrumental gehaltenen Kompositionen, mit denen sich die Band seit Mitte der Nuller-Jahre einen Namen gemacht hat.

Ohne übergeordnetes Konzept, Veränderungsdrang oder Erfolgsdruck schreibt es sich bekanntlich lockerer. Und diese Unverkrampftheit merkt man den Songs ein Stück weit durchaus an. Aber: Wo Caspian draufsteht, steckt immer noch Caspian drin. Die neu gefundene Freiheit hat auf jeden Fall nicht dazu geführt, dass sich die Band von den gängigen Tropen verabschiedet, die sie zu einem der Aushängeschilder (im positiven wie im negativen Sinn) des modernen Post-Rock gemacht hat. Da kann sich der Pressetext noch so darum bemühen, dass das Leben nicht einfach eine Reihe an epischen Crescendos sei, und dass auf diesem Album manchmal der erwartete Höhepunkt nur angetäuscht würde und anderenorts die Crescendos in Wellen kämen, ohne wirklich ans Eingemachte zu gehen: Die graduellen Variationen im Volumen, lange ausgedehnte Akkordfolgen, die immer dichter werdende und durch Zusatzinstrumente ergänzte Soundwand – das alles bleiben Markenzeichen der Band.

Blickt man auf die bandeigene Diskografie, so findet man wohl in „Waking Season“ (2012) den nächsten Verwandten zum neuen „On Circles“. Es geht nämlich wieder hoffnungsvoller zu und her als auf dem Vorgänger „Dust and Disquiet“ (2015), ja stellenweise gar euphorisch. Der begrenzte Härtegrad, die durchdachteren Arrangements und die farbenreiche Produktion grenzen es von „Tertia“ (2009) respektive „The Four Trees“ (2007) ab. Das Klangdesign kann man durchaus als einen der grossen Pluspunkte der Platte verbuchen. Das wird schon zu Beginn des Openers „Wildblood“ klar, der seine Gitarren nicht nur in spezielle Effekte kleidet, sondern ihnen auch verschiedene Soundschnipsel, eine Panflöte (oder etwas ähnlich klingendes), ein Saxophon undsoweiter zur Seite stellt. Nach und nach gesellen sich die Instrumente dazu, bis das Ganze – natürlich – in einen tragenden Beat und ein ordentliches Verzerrer-Fest mündet. Dann – natürlich – zunächst zurück- und wieder hochschrauben, mit noch ein bisschen Tremolo im Hintergrund. Doch auch wenn die Struktur altbekannt ist: Es bleibt alles geschmackvoll, die Dauer der einzelnen Teile ist relativ lang, aber nicht übertrieben lang, die Gitarrenfigur ist prägnant und fungiert dank ihrer Eingängigkeit als eine Art Refrain, statt nur auf Lärm zu machen.

Was über den Opener gesagt werden kann, kann eine Ebene höher zu grossen Teilen über das Album gesagt werden. Das Rezept bleibt tatsächlich oft ähnlich, die Variation liegt meist in den Details. Statt Saxophon gibt es in anderen Songs eine Mandoline („Flowers of Light“), Glocken („Division Blues“), Synthies („Onsra“), Streicher („Ishmael“) oder Gesang („Nostalgist“, „Circles on Circles“), die quasi als Erkennungsmerkmal herhalten. Einige Songs sind hauptsächlich im 4/4-Takt („Wildblood“), andere 7/4 („Flowers of Light“), andere 3/4 („Division Blues“), in anderen verliere ich die Geduld beim Zählen („Ishmael“). Auch die Grundstimmung variiert; so macht die anfängliche Euphorie etwa beim passend betitelten „Nostalgist“ (mit Gastsänger Kyle Durfey von Pianos Become the Teeth) einer gewissen Schwer- und Wehmut Platz. Etwas enttäuschend finde ich die Perkussion. Das Schlagzeug ist zu formulaisch: In den ruhigen Teilen wird nie was gespielt, dann kommen entweder einzelne Schläge auf die Becken oder eine Tom-Tom-Figur dazu, im Höhepunkt wird auf einen bewährten, tragenden Beat gesetzt. Ok, natürlich gibt es Ausnahmen, wie die tollen Percussion-Overdubs in „Flowers of Light“ oder dem „Coolverine“-mässigen elektronischen Beat in „Onsra“. Auch dass zum Beispiel gleich die ersten beiden Lieder des Albums nach ein paar Takten einen pulsierenden Bass einfaden lassen, ist so etwas, was es Kritikern einfach zu leicht macht. Oder generell, dass Songs aus Prinzip leise begonnen und auch leise beendet werden und dazwischen bevorzugt genau zwei Mal ein höheres Lautstärke-Level eingearbeitet wird.

Aber wenn mir die Musik gefällt, kann ich bei solchen Formalitäten relativ gut ein Auge zudrücken. Natürlich, ein bisschen weniger Konventionen wären geil gewesen, aber ich bin schliesslich nicht immer auf der Suche nach etwas Neuem. Es muss nicht immer alles innovativ sein. Wer Innovation sucht und 2020 ein Caspian-Album auflegt, hat sowieso etwas nicht verstanden. Aber schlussendlich gilt es doch, nicht zu verlernen, Musik auch mit dem Herz und nicht nur mit dem Kopf zu hören. Wie mächtig und doch grazil Caspian-Songs oft sind. Wie sie zwischen Kontemplation und Aufbruchsstimmung oszillieren. Diese Kombination verleiht den Stücken etwas Majestätisches, Erhabenes. An dieser Front liefern die Amerikaner wieder einmal ab. Und ganz ehrlich: Am wenigsten gefallen mir die beiden Songs, die eben genau aus dem Rahmen fallen: Das kompromisslose Post-Metal-Brett „Collapser“ und das kitschig-Singer/Songwriter’sche „Circles on Circles“. Irgendwie bin ich halt manchmal doch froh, wenn bei einer Band grösstenteils das drinsteckt, was draufsteht.

VÖ: 24.01.2020

Triple Crown Records