12.02.2020 – City and Colour im Kaufleuten Zürich

Dass Dallas Green ein musikalischer Allrounder ist, habe ich mir bereits denken können, aber dass seine Musik mich mitnimmt auf grüne Wiesen, in vergangene Zeiten und mich zum Nachdenken anregt, konnte ich mir bis zum Abend im Zürcher Kaufleuten nicht vorstellen.

Wer kennt das Kaufleuten nicht? In der Nähe vom Bahnhof am Pelikanplatz in Zürich steht besagtes Kulturlokal. Es vereint in sich Klub, Restaurant und Kulturzentrum.
Bereits die Eingangshalle sieht prächtig aus. Das Kaufleuten trägt zu Recht den Namen des ältesten Klubs der Schweiz. Es erinnert mich an ein Theater im Jugendstil. Schwere rote Vorhänge zieren die Wände, im Raum steht zu jeder Seite eine hölzerne Bar und vor der Bühne ist gestuhlt mit Stühlen aus rotem Samtstoff. Einzig die Mischpulte und die grosse Discokugel, die von der Decke baumelt, bestätigen mich darin, dass ich am richtigen Ort bin. Organisiert wird der Abend von Mainland Music und Kaufleuten Kultur.

Das heimelige Ambiente lässt meine Vorfreude wachsen. Den musikalischen Auftakt des Abends macht Bess Atwell. Die Musikerin aus Brighton (GB) spielt Singer-Songwriter-Sound vermischt mit Folk- und Popklängen. Die Stimmung ist sehr entspannt. Einige KonzertbesucherInnen sind noch in Gespräche vertieft, andere bewegen sich sanft zur Musik.

Der Saal ist voll, alle Sitzplätze sind besetzt und dahinter stehen noch mindestens genauso viele Personen. Um 21:00 Uhr betritt Dallas Green die Bühne. Dass Dallas Green aka City and Colour die Tour Solo, ohne seine Band (denn so war es ursprünglich geplant) lediglich mit Matt Kelly, angetreten ist, war überhaupt kein Minuspunkt. Im Gegenteil: Es ist sanft, es ist ehrlich und es ist persönlich.

Die ersten drei Songs spielt Dallas alleine. Er nimmt die Bühne ganz für sich ein. Es fühlte sich so an, als ob Dallas Green das gesamte Kaufleuten mit zu sich nach Hause genommen hat und nun ein intimes Wohnzimmerkonzert zum Besten gibt. Beim vierten Song kommt Matt Kelly dazu und die beiden musizieren als eingespieltes Team. Dallas mit seinen sieben Gitarren (vielleicht waren es auch mehr, denn er wechselte mindestens nach jedem zweiten Song sein Instrument) und Matt mal mit Gitarre, Backingvocals, Synthesizer oder Piano, reichen vollends aus um mich mit auf eine musikalische Reise zu nehmen. Sie spielen ca. 20 Songs querbeet durch alle Alben hindurch, wobei die meisten Songs aus den Alben Bring Me Your Love und A Pill for Loneliness stammen. Sogar zwei neue (alte) Songs sind dabei. Green ist kein Mann der grossen Worte, so gibt er während dem ganzen Konzert rund fünf Sätze von sich. Sprechen ist vermutlich nicht sein Ding, dafür umso mehr das Singen – und darum bin ich ja da.

Während das Publikum beim Support Bess Atwell noch leise mit der Sitz- oder StehnachbarIn gequatscht hat, bleibt es Still bei City and Colour. Wüsste ich nicht, dass Green der Sänger von Alexisonfire ist, wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dass dahinter dieselbe Stimme steckt. Diese Stimme hat‘s mir angetan. Und wenn ich mich im Saal umsehe, nicht nur mir, auch dem durchmischten Publikum. Vor mir kuschelt ein verliebtes Paar, neben mir singt ein älterer Herr inbrünstig mit und ich nippe zufrieden an meinem Bier.

Musikalisch ist die Show nicht sehr abwechslungsreich. Was wohl damit zusammenhängt, dass nicht die gesamte Band spielt. Viele Songs sind ähnlich aufgebaut, der Synthesizer bringt aber zusätzlich Spannung in den Sound, das fäggt. Es scheint das Publikum nicht zu stören, denn kurz nach 22:30 Uhr mit dem Song “Sleeping Sickness” verabschieden sich die beiden Musiker unter tosendem Applaus und mit Standing Ovation.

Gerne komme ich wieder einmal ins gemütliche Kaufleuten. Der Abend war beinahe perfekt, wäre da nicht das luzernische Eichhof Bier im Zentrum Zürichs gewesen. Nächstes Mal bestelle ich ein Glas Wein.

Bild: Ursina Ruf (Smart Phone)