Tschüss Rawk

Die Suche in meinem E-Mail-Posteingang nach dem Stichwort “Rawk” ergibt 474 Resultate. Die Ergebnisliste liest sich wie eine kleine Chronik der letzten fünf Jahre, in denen ich Teil von Rawk sein durfte. Angefangen hat alles noch etwas früher: Mit einem Mail vom August 2013, in welchem Rawk mir den Wettbewerbsgewinn von zwei Eintritten für ein NoFX-Konzert mitteilte. Ein gutes Jahr später dann wollte ich wissen: “Braucht ihr momentan irgendwo dringend Leute?”

In den folgenden Wochen tat sich eine kleine neue Welt auf für mich: Konzerte mit Akkreditierung besuchen, Alben rezensieren, Bands interviewen – und die anderen “Rawkies” kennen lernen. Eine faszinierende Welt, geprägt von spannenden Kontakten, wunderschönen Konzertabenden und auch anstrengenden Schreibnachmittagen. Heute scheint all dies schon weit weg: Neue Leute lernt man im Herbst 2020 kaum noch kennen, Konzerte sind zur Seltenheit geworden und somit auch die anstrengenden Nachmittage. Wenn dann irgendwann wieder Konzerte im gewohnten Rahmen möglich sind, dann wird Rawk bereits Geschichte sein. Das aktuelle Jahr markiert also in mehrfacher Hinsicht einen Bruch und lädt ein zum Innehalten. Antworten sind von diesem Artikel keine zu erwarten, Denkanstösse allemal.

Gedruckte Musikmagazine aus der Schweiz findet man schon länger kaum mehr, dasselbe gilt bald auch für die Onlineformate. Neigt sich der (Musik-)Journalismus also gerade seinem Ende zu? Wird unser Musikgeschmack künftig nicht mehr von “Expertenmeinungen” und Rezensionen, sondern von Algorithmen und schwer durchschaubaren Playlistmaschinen gesteuert? Und ist das für die Hörer*innen nun schlechter oder besser? Und für die Musiker*innen?

Die sich anbahnende Konzentration des Livemusikmarktes stellt die schreibende Zunft vor immer grössere Schwierigkeiten. Die Anforderungen werden höher, das Einholen von Akkreditierungen schwieriger. Nimmt das Interesse an Musikjournalismus mit zunehmender Grösse der Veranstaltungsfirmen ab? Sollten diese Riesen überhaupt mit Berichterstattung unterstützt werden? Wem nützt oder schadet ein allfälliger Boykott?

Aber es gibt auch Dutzende Schweizer Bands, Veranstaltende und Konzertlokale, die mit diesem Millionenmarkt (noch) nichts zu tun haben. Diese verlieren mit dem Ende von Rawk eine Plattform, um ihre Musik und Konzerte bekannt zu machen. Aber brauchen sie die überhaupt noch? Oder reichen Facebook, Instagram und Spotify aus? Worin liegt der Mehrwert von journalistischen Leistungen, die Social Media nicht erbringen kann?

Und nicht zuletzt: Die Auswirkungen der im aktuellen Jahr ausgebrochenen Pandemie sind noch überhaupt nicht absehbar, Prognosen sind deswegen verfrüht. Sorgen nicht. Wie wird die (noch) so vielfältige Schweizer Veranstaltungs-, Konzertclub- und Open Air-Landschaft in zwei Jahren aussehen? Was wird es nicht mehr geben? Schafft dies auch Platz für Neues, das vielleicht ebenso interessant ist?

Fragen über Fragen, Anstrengung! Dann doch lieber wieder leicht verdauliche Artikel und farbige Bilder konsumieren? Nostalgie statt Zukunftsängste? Haben wir natürlich auch im Angebot:

20.06.2017 – “Es ist wie mit dem Wählen zwischen deinen Kindern, du kannst nicht eines aussuchen.” Andi und Andi (von Rawk) interviewen Anders (von In Flames)
08.06.2018 – “Sie sind nicht mit Knüppel und Pfefferspray, sondern mit einer Hellebarde ausgerüstet.” Andi entdeckt die Hintergrundberichterstattung
25.06.2019 – “Hier verpasst Hugo Gion gerade eine Ohrfeige. Und es blieb nicht bei der einen!” Andi begleitet Chelsea Deadbeat Combo mit der Kamera am Greenfield Festival
22.08.2019 – „Nüünmou Sex on the Beach.“ Andi schwitzt hinter einer Bar am Heitere Open Air

Genug der Selbstbeweihräucherung. Fünf Jahre Rawk bedeuten unvergessliche Erinnerungen an lauschige Konzertabende, laute Open Air-Nächte und spannende Begegnungen. Das alles war nur möglich dank dem unermüdlichen Einsatz aller Rawkies, allen voran von Tina, Danke! Danke aber auch an alle Bands, Veranstalter*innen und Lesenden, ohne euer Vertrauen wäre heute kein wehmütiger Blick zurück auf diese abwechlungsreiche Zeit möglich!