As Big As We Can Get – Milk Teeth im Interview

Was für ein Zufall: Nachdem schon mein erster rawk.ch-Artikel mit ihnen zu tun hatte, rauben mir nun Milk Teeth auch meine Interview-Jungfräulichkeit; aber das nur als Side-Note, denn wirklich interessant ist ja wohl, was die netten Damen und Herren mir vor ihrem Konzert im Dynamo denn so über sich selbst zu erzählen hatten.

Hey, wie geht’s euch? Wie läuft die Tour bis jetzt?

Chris (Gitarre): Wir sind super aufgeregt!
Billy (Gitarre, Vox): Ja, wir sind gerade durch die Alpen gefahren und haben da eine Schneeballschlacht gemacht!
Becky (Bass, Vox): Oli ist barfuss durch den Schnee gelaufen. „Oli The Explorer“.
Chris: Die Tour läuft super; es sind alles riesen Hallen, gestern haben wir vor 1300 Leuten gespielt, heute sind’s nur 200.
Billy: Als ich auf die Bühne kam, dachte ich so: „Wow, da hat’s nicht genug Platz um sich zu bewegen“.
Becky: Aber eigentlich mögen wir es, kleine Shows zu spielen.
Oli (Drums): Es ist das, was wir gewohnt sind; sozusagen Heimatterritorium.
Chris: Und Tonight Alive sind total nett.
Billy: Ja, eh. Es ist schwierig, wenn man mit einer so grossen Band tourt. Wenn man die Leute zum ersten Mal trifft, weiss man nie, sie könnten ja riesige Arschlöcher sein. Aber sie sind alle wunderbare, liebevolle Menschen.
Chris: Wir teilen sogar die Garderobe heute!
Oli: Ha, sie können uns nicht mehr entkommen! (alle lachen)

Das heisst aber, ihr habt einen eigenen Bus? Das letzte Mal, als ihr hier wart, habt ihr ja noch am Tag der Show nach einem Schlafplatz gesucht…

Chris: Ja, wir haben einen schönen, neuen Van, mit richtigen Bunk-Beds.
Billy: Es ist grundsätzlich schon cool bei Leuten zu übernachten, aber normalerweise sind da dann so fünf bis sieben Leute in einer kleinen Wohnung und wenn dann der Van bequemer ist, dann schläft man lieber dort.
Oli: Ich mag meine Koje, weil sie so ein bisschen mein Schlafzimmerersatz ist. Ein Stück zuhause auf Tour.
Chris: Es ist gut, bei jemanden zu übernachten, wenn’s keine Dusche gibt in der Venue. Aber wir hatten Glück bis jetzt.

Und die Fans, nehmen sie euch gut auf? Tonight Alive ist ja doch einiges „softer“ als die anderen Bands, mit denen ihr bis jetzt getourt seid.

Chris: Es ist super; die ganze Tour sind wir neue Fans am Gewinnen. Die meisten haben noch nie von uns gehört, aber nach der Show kommen sie und wollen ein Foto machen.
Oli: Es ist ein total neues Erlebnis; gestern war es fast wie in einem Zombie-Film, all die Hände, die sich nach uns ausstreckten. Wir werden fast wie Berühmtheiten behandelt.
Billy: Wir kriegen Tweets wie „Hey, Ich hab VIP-Tickets, heisst das, ihr seid da auch dabei?“ Wir meinen dann so: „Wir hängen sowieso den ganzen Tag im Klub ab, also kommt einfach vorbei.“
Oli: Es ist schön, zu sehen, wenn geschätzt wird, was man tut.
Billy: Zum Beispiel fragten wir, wer uns kennt, und dann haben vielleicht fünf Leute aufgestreckt, aber am Ende des Sets waren alle am Herumspringen und hatten Spass.

Ihr seid mittlerweile praktisch ununterbrochen – mit einer Pause um euer erstes Album „Vile Child“ zu schreiben und aufzunehmen – auf Tour seit 2013; habt ihr zuhause noch Jobs? Und wie schafft ihr es, trotzdem noch bei jeder Show Vollgas zu geben?

Chris:  Ja, mein Leben war noch nie so organisiert; wir haben noch weitere Touren geplant bis im Sommer. Aber wir mögen es, soviel unterwegs zu sein.
Becky: Wir müssen aber noch arbeiten zuhause. Sonst könnten wir’s uns nicht leisten.
Chris: Es ist halt schwierig, Arbeit zu finden, wenn man soviel weg ist.
Billy: Man kann nicht zu einem Arbeitgeber gehen und sagen: „Kann ich bitte einen Job haben? Ich werde dann jeweils weg sein für sechs Monate, aber ich komme wieder zurück!“
Chris: „Bitte, gib mir Geld!“
Becky: Wegen den Shows: Klar ist es – auf Tour – anstrengend, immer alles zu geben. Aber für mich sind das jeden Abend neue Leute, die dieselbe Show verdienen, die wir jedem anderen geben würden. Dann kommt’s nicht darauf an, wie du dich fühlst, ob du krank bist, müde, hungrig; für diese 30, 40 Minuten gibst du einfach alles.
Billy: Den ganzen Tag kann’s dir richtig dreckig gehen, aber sobald du beginnst, dich aufzuwärmen, auf die Bühne gehst, geht das alles weg.
Chris: Ausserdem: Wir lieben es einfach. Und wenn du sieben Stunden im Van sitzt, staut sich schon etwas an, dass raus möchte.
Becky: Wir sind stolz auf unsere Liveshow – und wir fühlen uns schuldig, wenn wir mal nicht unser Bestes geben…
aber zugegeben: Wir versuchen auch, gesund zu bleiben. (Sidenote: Zum Abendessen gab’s dann ausnahmsweise trotzdem Currywurst.)
Chris: Aber wir haben schon auch Spass. Gestern war jemand so betrunken, dass sie voll angezogen schlafen ging. Ich frage mich, wer das gewesen sein könnte… (Er schaut intensiv zu Becky. Alle lachen).
Billy: Grundsätzlich kennen wir unsere Grenzen. Insbesondere als Sänger muss man sehr auf die Stimme achten und vielleicht auch mal früher ins Bett als alle anderen.
Becky: Vorallem auch, da wir jetzt zwischen den Tours praktisch keine Zeit haben um uns zu erholen.
Oli: Ich werd mich zuhause einfach zuerst ins Bad einschliessen und dann eine Woche durchschlafen…

Apropos Stimme: Im Dezember hat Josh (Git., Vox) die Band verlassen, das Album war aber bereits aufgenommen und die Tour gebucht. Du, Billy, musstest alles lernen…

Billy: Ich hatte sechs Wochen, um alles zu lernen. Für zwei Wochen habe ich nur das Album gehört, und sonst nichts anderes mehr. Und wenn ich die Songs nicht am Hören war, war ich daran, zu lernen, wie man sie spielt.
Oli: Shoutout to Billy! Ich würde die Songs hassen.
Chris: Billy wäre sowieso auf die Tour mitgekommen, als Guitartech. Als dann klar war, dass Josh nicht kommt, haben wir ihn einfach gefragt: „Willst du, äh, gerade lernen alle Songs zu spielen?“ Wir haben eine Woche danach eine Probe gemacht und er hatte neun Songs gelernt in dieser Zeit. Ich vergesse manchmal sogar, wie man das Zeug spielt.
Becky: Das ganze mit Josh war ausserdem auch eher bloss überraschend für die Öffentlichkeit. Wir wussten schon länger, dass er gehen wollte. Und wir wussten sofort: Billy’s the guy!
Billy: Josh hat mir selber gesagt, dass er niemand anderes wollen würde, um ihn zu ersetzen.
Oli: Wir kennen Billy auch schon länger, haben dreimal mit ihm getourt, er ist seit Jahren unser Freund. Von dem her hat’s super gepasst.
Becky: Ich denke, aus meiner Sicht sind wir sogar eher besser geworden jetzt, wir klingen besser, alles ist super positiv.
Chris: Wir wollen wieder alle das Gleiche, nämlich so weit kommen, wie möglich. Ich glaube, Josh wollte das nicht; er wollte eher underground bleiben, war auch schon nicht glücklich darüber, diese Tour zu spielen. Für uns aber war es eher so: „Wollt ihr vor tausend Leuten spielen jede Nacht? Oder nur in kleinen Klubs? Wir wollen so gross werden, wie’s geht!“
Oli: Jede Band macht doch irgendwie eine Entwicklung durch. Man will nicht denselben Song wieder und wieder schreiben. Bei uns ist das auch so, und das ist auch cool.

Ja, dann zum neuen Album „Vile Child“. Es ist jetzt ja seit einer Woche draussen, wie sind die Reaktionen?

Chris: Es ist umwerfend.Wir hätten nicht erwartet, dass es so vielen Leuten wirklich so wichtig ist, dass sie die CD kaufen.
Oli: Wir haben die Pre-Order-Zahlen erhalten und waren völlig überrollt. Wir hätten nie gedacht, dass das so gut läuft. Jetzt mit dem Album fühlt es sich so als „richtige“ Band an, weil, naja, eine EP ist eine EP, ein Album ist da schon was ganz anderes.
Chris: Und die Leute kommen zu uns und sagen, sie hätten die CD gekauft bei HMV oder sonst einem richtigen CD-Shop. Das ist alles noch total unwirklich für mich. Ein Album in den Läden zu haben, verrückt.
Billy: Auch bei den Shows; da hat es Leute die bereits die Texte können – besser als ich -, obwohl das Album erst seit einer Woche draussen ist. Oder auch Leute, die die alten Sachen gar nicht mehr kennen.

Machst Du eigentlich die Screaming-Parts von Josh auch?

Billy: Jaaa, das ist eine etwas grössere Geschichte. Ich würde nicht sagen, ich könne screamen; hab’s auch nicht mehr gemacht, seit ich 14 war. Ausserdem sind meine und Josh’s Stimme komplett verschieden. Ich wollte also einerseits nicht einfach versuchen, ihn zu imitieren und andererseits auch nicht meine Stimme ruinieren durch falsches Screamen, das heisst ich bin irgendwo auf einem Mittelweg.
Becky: Es sind jetzt halt mehr so Punk-Shouts anstatt „richtiges Screamen“. Dafür können wir jetzt live zweistimmig singen; Josh konnte nur screamen. Für uns funktioniert’s so, ehrlich gesagt.

Noch ein zwei Fragen zu den Lyrics: Ich habe ein starkes „Generation Lost / Whatever“-Gefühl; ist alles, worüber du schreibst auf dich selbst bezogen, Becky, oder gehst du einfach durch die Welt und schreibst über Dinge, die du siehst oder von denen du denkst, sie könnten die Menschen beschäftigen?

Becky: Alles was ich fürs Album geschrieben habe, ist mir passiert. Das heisst, ich hab nie mit der Absicht geschrieben, in jemand anderen hineinzusehen oder etwas zu erzählen, was irgendwo passiert ist. Ich schreibe eher einfach für mich selber; ich kann auch nur über das schreiben, ehrlich gesagt. So spielt dann halt alles eine Rolle, was mich beeinflusst im Leben, z.B. sind wir alle aus einer sehr kleinen Stadt. Und wir haben alle viel durchgemacht. Und manchmal sind das halt Dinge, wie in „Brain Food“, die viele Menschen unseres Alters betreffen. Ich meine, es gibt im Moment Probleme mit dem Arbeitsmarkt, man muss sich durchschlagen, es hat sich vieles geändert seit der Generation unserer Eltern. Viele Menschen müssen mit Mitte zwanzig noch zuhause wohnen.
Billy: Und das ohne in einer Band zu sein. Es ist hart, wenn dir deine Eltern sagen: „Hey, du bist jetzt 23, wirst du irgendwann mal noch ausziehen?“
Chris: Ich bin wieder zuhause eingezogen.
Becky: Wir alle wohnen – wieder – zuhause … um in der Band sein zu können.
Billy: Ausserdem kommt es auch vor, dass Leute halt die Lyrics hören und dann an etwas völlig anderes denken, aber es hilft ihnen trotzdem. Und das ist ja auch ok.
Oli: Jedes Mal, wenn Becky einen Song schreibt, und du dann die Lyrics hörst, bist du total… naja, gehypt. Es  hat auf uns denselben Einfluss, es pusht dich, auch wenn du nicht genau das darunter verstehst, was sie ursprünglich meint. Und wenn du den Song dann spielst, dann ist das wie eine Therapie. Du fühlst dich danach gesäubert, fast, von all deinen Dämonen.

Das heisst, du, Becky, schreibst die Songs?

Becky: Jein, also oft starte ich alleine, bzw. in letzter Zeit habe ich viel mit Chris geschrieben, aber dann bringen wir die Idee zu den anderen und jeder bringt sich ein. Ausserdem kann ich ja z.B. keine Schlagzeugparts schreiben, das liegt dann alles bei Oli, der, wenn er einen Song hört, immer gleich meint „Oh, ja, da hab ich ne Idee für einen Beat.“ und so nimmt das gemeinsam Form an.
Oli: Das ist auch super an dieser Band: Wir sind alle sehr gut – ohne uns zu fest loben zu wollen – im Songwriting. Wir haben sicher seit zehn Jahren in verschiedenen Bands gespielt und wenn man schliesslich DIE Band findet, DIE Leute, mit denen der ganze Prozess einfach stimmt, dann hypt einen das ungemein.

Okay, letzte Frage: Wenn ihr die Chance hättet, je eine beliebige Band zu buchen, was wäre euer Traum-Line-up?

Becky: Green Day. Das wäre „a dream come true“!
Chris: Paramore.
Oli: Ich würde sagen „Slipknot“, einfach weil sie meine Lieblingsband für alle Zeiten sind.
Chris: Ehrlich gesagt, alle Bands, mit denen wir bis jetzt auf Tour waren, waren Bands, die wir wirklich mögen. Ich kann das immer noch nicht wirklich glauben.
Billy: Jetzt, da wir immer grösser werden, wird es immer verrückter. Zum Beispiel hat Travis Barker uns getweetet, oder Laure Jane Grace (Against Me!) meinte: „Hey, Ich liebe eure Band!“
Chris: Und wir meinen dann so: „Wirklich?!“
Oli: „Haben wir irgendwo was falsch gemacht? Wie sind wir plötzlich so gross geworden?“
Chris: Oder bei der Tour mit Frank Iero (ex-My Chemical Romance), da hat er uns als Support dabeihaben wollen. Und wir meinten: „Von wo kennt er uns überhaupt?!“
Oli: Er ist einer der nettesten Menschen, die wir jemals getroffen haben. Jemals. Shoutout to him!

Yes, mit diesen Worten beenden wir doch gerade das Interview. Danke vielmal für eure Zeit und das Erzählen!

Zur Show, die Milk Teeth nach dem Interview im Dynamo gespielt haben, geht’s hier lang.

Und übrigens: Wir haben Milk Teeth noch nach ihren derzeitigen lieblings-Underground-Bands aus den UK gefragt, wenn’s euch also interessiert, was die dortige – scheinbar fantastische Szene – zu bieten hat, dann schaut euch Eat Me, Creeper und Pipedream mal an!