Interview mit drei Schweizer Konzertveranstaltern

Ihr geht an Konzerte, schaut euch die Bands an, trinkt ein Bier/Mate/Cola an der Bar, kauft vielleicht ein T-Shirt und geht dann wieder nach Hause. Doch wer sind die Menschen, die Monate im Voraus Bands, Daten, Locations zusammenbringen, die am Abend schauen, dass die Musiker auch tatsächlich da sind, dass die Leute zu essen – vegetarisch, vegan, glutenfrei, usw. – haben, dass Verstärker da stehen, die es in Kauf nehmen, als Arschloch da zu stehen, wenn was nicht klappt, die ihre Freizeit opfern, am Konzert selber aber nicht im Scheinwerferlicht stehen? Ihr seid ihnen sicher schon einige Male über den Weg gelaufen, doch zu Wort kommen sie viel zu wenig. Daher haben wir uns mit Michi, Fabian und Jana, die alle drei in der Schweiz Konzerte veranstalten, zusammengesessen und ein paar Fragen zu Szene, Finanzen, dem Weg zum Veranstalter und Bands gestellt. 

Hallo zusammen, könnt ihr euch zu Beginn kurz vorstellen? Was macht ihr für Veranstaltungen, wie seid ihr dazu gekommen?
Michi: Ich bin Michi, aus Zug bzw. Cham, ich mache die Djent Events und diverse andere Konzerte, wobei aber die Djent Events meine Hauptserie sind. Der Fokus liegt da auf modernem progressivem Metal, ich versuche das in kleinerem Rahmen etwas zu pushen. Das Ganze mache ich jetzt seit eineinhalb Jahren. Wie ich dazu gekommen bin, ist eigentlich lustig, nämlich hat Jana einen Booker gesucht in Zug und durch einen Kollegen, der schon sehr lange und sehr erfolgreich Konzerte veranstaltet, bin ich da reingerutscht und habe eigentlich seine Konzepte übernommen. Am Anfang war von einer Show die Rede, aber dann waren’s plötzlich 10 und so weiter. Es passiert einfach.

Fabian: Ich bin Fabian, aus Oberrohrdorf, Nähe Baden, und aktuell bei drei Geschichten dabei: Das Booking fürs Open Air Gränichen, daneben entweder die Bonebreaker Ball Tour oder Riversidemosh Booking, mit denen wir in mehreren Locations in der ganzen Deutschschweiz in unregelmässigen Abständen Shows machen. Bei mir begann das so 2010, als wir mit der eigenen Band – Lotrify – vielleicht drei, vier Shows gespielt hatten und merkten, dass es doch schwer ist, an Gigs zu kommen. Darum veranstalteten wir bei uns in Baden dann ein Konzert und dann nochmal eins. So haben wir dann als Band Shows gemacht und über die Jahre wurde das grösser, es ergaben sich Kontakte und die Gelegenheit, auch sonst Shows zu machen und auch grössere Acts zu buchen.

Jana: Ich bin eben Jana, aus Wattwil und jeweils sehr viel unterwegs, weil halt nicht so zentral in der Schweiz. Mein Label heisst Dark Wings und neben den ganzen Labelgeschichten und Management machen wir auch Booking. Selber veranstalten tun wir so wenig wie möglich, aber wir haben ja unsere eigenen Schweizer Touren, da machen wir dann auch ab und zu eine Show. Bei mir war das ähnlich wie bei Fabian, ich hatte über zehn Jahre selber Bands, die sind aber irgendwie alle versandet, aber ich wollte trotzdem weiter etwas im Musikbusiness machen, weil’s immer toll gewesen ist. Da habe ich dann privat in St. Gallen Shows veranstaltet bis ich per Zufall mit der Agentur, bei der ich jetzt bin, ins Gespräch gekommen bin und schlussendlich dort gelandet bin. So irgendwie reingerutscht.

Michi: Es gibt halt auch nicht allzu viele, die das machen, aber – wenn alles funktioniert – ist es eben schon ein toller Job.

Fabian: Am Anfang zeigt sich auch relativ schnell, ob man wirklich dafür gemacht ist oder nicht. Man sagt sich „hey, ich mache eine Show“, aber dann nach zwei, drei Konzerten, merkt man, ob’s einem gefällt, auch wenn’s mal finanziell oder besuchermässig oder sonstwie nicht so gut läuft, ob man bereit ist, die ganze Zeit – es braucht halt schon viel Zeit, die man von seiner Freizeit nehmen muss – zu investieren, sowie das eventuelle finanzielle Risiko zu tragen.

Wie entscheidet ihr denn, was für Bands ihr bucht?
Michi: Ich unterscheide da ziemlich nach Event. Bei den Djent Events, das ist so ein bisschen mein Baby, da suche ich spezifisch Bands aus, die ich wirklich gut finde, die ins Konzept passen und ich pushen will. Bei den anderen Shows, naja, man kriegt als Veranstalter recht viele Offerten, da kann man dann überlegen, ob man das cool findet und unterstützen will. Und bei den kleinen Supportbands ist halt Vitamin B dabei, man kennt die Leute, deren Bands man unterstützen will. Das ist schon ein Faktor, dass man Leute kennt und unterstützen will. Natürlich muss die Band dann auch noch eine gewisse Qualität besitzen, aber trotzdem, die Szene ein bisschen zu kennen, hilft sehr, um zu wissen, was man überhaupt buchen kann.

Jana: Und manchmal geht’s auch darum, was halt gefragt ist. Ich entscheide aber auch je nach Show unterschiedlich, manchmal sind’s Kollegen, mit denen du unbedingt mal was machen willst, manchmal sind’s Leute, die mal was für dich gemacht haben, dann sagst du „Hey, ich mach auch mal was für dich“, oder es ist so, dass man total Fan ist von einer Band und sie unbedingt mal buchen will. Oder du denkst, dass sie sehr viele Leute ziehen und es eine coole Show wird. Man muss dann aber – vor allem wenn man angefragt wird – halt immer schauen, passt’s zeitlich, passt’s musikalisch, passt’s persönlich. Macht es überhaupt Sinn, diese Show zu machen? Kommt da überhaupt irgendwer?

Michi: Man muss da auch eine gewisse Vernunft haben, zum Beispiel, wenn man weiss, dass eine Band mega mega gut ist, aber dann ist sie viel zu teuer oder sonst etwas. Da muss man auch Nein sagen können, das macht einen guten Veranstalter auch aus.

Fabian: Bei mir ist das auch nach Veranstaltung unterschiedlich. Beim Gränichen geht’s halt nicht anders, als dass man einen Headliner hat, von dem man weiss, der zieht Leute, weil das Ziel ja auch ist, dass man am Schluss auf null kommt. Das ist ja ein Verein, da arbeiten alle ehrenamtlich. Bei den Solo-Shows andererseits, da variierts ein bisschen, entweder man hat eben ein gutes Angebot, oder man weiss, letztes Mal war’s gut mit der Band. Was aber auch schön ist, wenn man eine Band ein erstes Mal in die Schweiz bringen kann. Das ist mir ziemlich in Erinnerung geblieben mit Ne Obliviscaris, die jetzt ja schon recht gross sind, da waren wir genau zum richtigen Zeitpunkt da und haben gesagt „doch, die holen wir!“ und wenn das dann klappt und auch das Feedback der Leute stimmt, dann motiviert das einem schon!

Ihr sprecht jetzt viel von „usechoo“, vom Finanziellen. Viele Bands – gerade kleine und mittlere – kämpfen ja ungemein, um irgendwie halbwegs ohne Verlust touren zu können und so, und meinen dann, die Gagen seien halt auch eher zu niedrig. Ihr verdient aber ja auch nicht wirklich etwas, oder? Wie seht ihr das?
Fabian: Das kommt halt auch darauf an. Beim Gränichen haben wir ein Budget, das der Verein trägt, da haftet man nicht mit dem Privatvermögen. Bei den Einzelshows kommt’s auf die Location an, gewisse haben Kulturförderung, also den Auftrag, Jugendförderung zu machen, und dann hat man auch Defizitgarantie. Wenn man aber z.B. wie heute im Dynamo den grossen Saal mietet, dann hast du Risiko und musst das finanziell stemmen können, den Kassenstock stellen, die Miete bezahlen, die Gage bezahlen, und das Alles an einem Abend bereit haben. Und wenn man nicht rauskommt – was immer mal wieder vorkommt -, dann muss man mit dem Privatvermögen bezahlen und da entscheidet sich dann auch, ob man weitermachen will. Und das liegt gar nicht immer an den Besuchern, vielleicht wollte auch die Band zu viel, oder man hatte einen schlechten Tag wegen zu vielen Konkurrenzshows.

Michi: Oder das Wetter ist zu schön, oder die Züge fahren nicht, es kann immer etwas sein… Ich arbeite mit der I45 zusammen, das heisst, ich habe die Defizitgarantie noch zu Beginn. Es sind eben auch wirklich viele Kosten, die man nicht unterschätzen darf. Ums Geldverdienen geht’s mir jetzt aber nicht, ich will coole Shows machen, dass die Leute Spass daran haben. Ich habe auch das Gefühl, dass das, was ich jetzt mache, sonst niemand anderes macht und das finde ich cool.

Jana: Bei mir ist das halt ein bisschen anders, weil ich ja 100% in diesem Bereich arbeite, respektive 150% oder so. Und weil ich zuhause lebe, geht das auch irgendwie auf. Aber ich arbeite jetzt seit gut einem Jahr effektiv so und du musst dir schon recht was aufbauen. Es ist schwer, denn du willst ja keine Bands abzocken und gute Deals finden, dass es für alle stimmt, so dass am Ende alle sagen können, „doch, dazu kann ich stehen“. Aber klar, auch bei mir, ich habe nie die Garantie, dass ich bzw. die Firma rauskommt am Schluss. Es ist wirklich nicht so einfach.

Ihr habt vorher von „Konkurrenz“ gesprochen. Wie ist das? Heute z.B. hat’s zwei Veranstaltungen im Dynamo, die zwar nicht genau das gleiche, aber doch ein ähnliches Publikum ansprechen. Gibt es da einen „Konkurrenzkampf“ zwischen den Veranstaltern?
Fabian: Wie soll ich das jetzt sagen…

Jana: Kommt auf den Veranstalter draufan. (lacht)

Michi: Man spricht da schon miteinander.

Fabian: Es kommt auch hier einmal mehr auf die Shows an. Ein Beispiel: Eine Show in Baden und eine in Olten, beide haben Defizitgarantie und es spielen lokale Bands, das ist nicht so schlimm. Aber es gibt dann schon Namen, grössere Bands, wo sich 4, 5 Veranstalter darum bemühen. Ich sehe das Ganze aber immer ein bisschen nüchtern und sage, es ist jetzt halt so. Und wenn man es genug früh weiss, dann kann man versuchen, ein bisschen umzuplanen, z.B. wenn die eine Show schon veröffentlicht ist und man selber erst in der Planungsphase ist. Aber man hat wirklich fast nie zwei Shows am gleichen Tag, die exakt das gleiche Publikum ansprechen. Und es kommt ja auch noch darauf an, wie du jetzt Werbung gemacht hast, ob jetzt noch einfach ein paar Kollegen nichts zu tun haben und so weiter. Es wäre zu einfach zu sagen, „Die Show war Konkurrenz und darum haben wir jetzt Verlust“. Auch wenn jetzt 300 Leute dahingegangen sind, gäb’s immer noch Acht Millionen Schweizer, die theoretisch an deine Show gehen könnten.

Michi: Und manchmal muss man aber auch genug vernünftig sein, eine Show abzublasen, wenn’s wirklich nicht geht. Aber eben, man spricht ja miteinander. Ausserdem muss man das auch ein bisschen geographisch sehen, gerade bei Konzerten ist zum Beispiel der Röstigraben unheimlich stark, Konzerte in der Romandie haben praktisch keinen Einfluss auf Shows hier und umgekehrt.

Jana: Grundsätzlich finde ich das auch, gesunder Menschenverstand, miteinander sprechen, man kennt sich ja. Aber ich finde auch, es gibt wirklich brutal viele Shows, immer. Gäb’s nur einen Viertel davon, würden natürlich pro Show potentiell mehr Leute kommen, so gesehen gibt’s da schon Konkurrenz. Aber eben, man versucht, aneinander vorbeizukommen, auch, sein Ding einzigartig zu machen, den Leuten einen Grund geben, zu kommen.

Wir nähern uns bereits dem Ende, habt ihr so als Abschluss noch eine Anekdote, ein Erlebnis, das euch in Erinnerung geblieben ist?
Jana: Es passiert immer so viel (lacht). Das ist eben das Andere, wenn du ein bisschen in der Szene bist, es gibt immer irgendwas, bei dem du dir an den Kopf greifst und denkst, das ist jetzt voll in die Hose. Es geschieht immer was, du hast immer eine spontane Herausforderung, du weisst nie, wie der Abend wird.

Michi: Dann stehen plötzlich drei Techniker da, oder drei Drums, die Band will plötzlich doch da schlafen, oder dann doch nicht. Bands sind halt auch nur Menschen und da passieren Dinge. „Ja, wir spielen heute ohne Sänger“. Viele sind ja auch nur Hobbymusiker und ja… Wir dürfen einfach nicht vergessen, das wir abhängig sind von den Bands schlussendlich.

Fabian: Ich würd’s eher eine Symbiose nennen, die Bands sind ja auch von motivierten Veranstaltern abhängig. Aber ja, ich habe auch schon einen Haufen trümmlige Dinge erlebt, von Bands, die nach der Show völlig abstürzen, Leute, die die Mails nicht lesen und dann mit falschen Infos irgendwie irgendwann ankommen (Michi: „Immer immer“). Aber eine Anekdote, gerade von gestern bei Bury Tomorrow, da habe ich gewusst, dass der Bassist ein riesigen Katy Perry-Fan ist. Zuerst dachte ich, das sei ein Witz, aber er hat sie auf sein Bein tätowiert und wir haben am Impericon Festival dann darüber gesprochen. Und jetzt haben wir als OK ihm gestern ein Katy Perry-Shirt geschenkt und er ist fast ausgerastet vor Freude. Und vielleicht wird er jetzt am Wacken oder Summerbreeze, wo sie noch spielen, mit dem Shirt auf der Bühne stehen und dann werde ich daran denken. Oder wer weiss, vielleicht rahmt er es auch ein, keine Ahnung.

Michi: (lacht) Ich glaube, von eskalierenden Bands haben wir dieselbe im Kopf, das war bei mir auch so. Bands, die du morgens um drei rausschmeissen musst, weil sie nicht mehr aufhören zu saufen und solche Dinge. Wenn dann der nackte Lichttechniker durch die Venue rennt und so Zeug, ist das schon schön…

Jana: Es ist grundsätzlich etwas mega Schönes, du lernst immer mega tolle Leute kennen, hast geile Konzerte, eine coole Zeit. Ich glaube, das ist auch der Punkt: Die, die es immer wieder tun, die finden es einfach geil. Es ist eine coole Community, man versteht sich gegenseitig, man ist irgendwie im selben Boot.

Hey, danke vielmal fürs Gespräch! Habt ihr ein Schlusswort?
Michi: Eigetum isch Diebschtahl (lacht) Nenei…

Alle: Kommt an Konzerte!! Nicht nur grosse Shows, sondern auch an kleine, coole Shows.

Jana: Und wenn ihr kommt, lasst doch das Handy zuhause.

Michi: Und sauft viel (zustimmendes Nicken von allen Seiten).

Fabian: Ausser es hat einen Pokéstop in der Nähe…(lacht) Ach, den kannst du rausnehmen dann. Sonst heisst es wieder, „Umi, der Gamer“…

Mal sehen. Aber auf alle Fälle: Danke!